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Ein zarter Hauch von Avantgarde

Mit klassischen Stücken, teilweise avantgardistisch anmutend, begeisterte das Trio Triton beim Konzert im Stadtwaldpark.

Melsungen. Mauricio Kagels Trio in drei Sätzen (1984/85) stand zweifellos im Zentrum des Programms des Kammerkonzerts am Freitag im Stadtwaldpark. Zwischen Beethoven und Smetana hatte es seinen eigenwilligen Platz. Es moche der an Romantik orientierten Hörgewalt avantgardistisch erscheinen, obgleich es sich deutlich zur kammermusikalischen Gattung bekennt und traditionalistische Elemente verarbeitet.

Zeitgenössisches

Das Trio Triton, hochkarätig besetzt mit Carola Nasdala, Violine, Claudia Schwarze, Cello, und Hartmut Leistritz, Klavier, sieht einen Schwerpunkt seiner Tätigkeit in der Erarbeitung zeitgenössischer Musik. Das ist hochverdienstvoll und demonstriert neben einem außerordentlichen technischen Standard des Ensembles ein verantwortungsvolles Engagement, eines gegen den leichtgemachten Konsum des Gewohnten für ein Entdecken und Verstehen der eigenen Gegenwart.

Beethoven zu Beginn

Mit Beethovens Klaviertrio c-moll, op. 1, Nr. 3 gab das Ensemble seinen Einstand und empfahl sich sogleich mit einem lebendigen Spiel, die kontrastreichen Einfälle Beethovens zwingend bündelnd. Streicherische Emphase und pianistische Leidenschaft verbinden sich mit analytischer Scharfsichtigkeit. Sensibilität und zugleich hochgradige Spannung in den verinnerlichten lyrischen Phasen tragen gleichsam ahnungsvoll die dramatischen Ausbrüche in sich, wie in einem zu eng gewordenen Gehäuse. (Dieses »Gehäuse« wird Kagel dann wie in einem durchsichten Negativbild erscheinen lassen, zerbrochen, doch immer noch erkennbar.).

Helle Einfachheit

Die schöne helle Einfachheit in den Andante-Variationenen, vorab von Hartmut Leistritz mit leichter Hand am Klavier hergezeigt, die Einigkeit beim filigran-heiteren Laufwerk im Trio-Satz, das sich innig Aufeinanderbeziehen der Spieler zu einem Lächeln im verschleierten Moll-Scherzo und die virtuose Eindringlichkeit durch alle Höhen und Tiefen des Finale, das war meisterhaft.

Mauricio Kagel hat sich im Beethoven-Jahr 1970 mit dem damals schier zu Tode gefeierten Werk des Komponisten in dem Film »Ludwig van …« und der gleichnamigen Schallplatte auseinandergesetzt: eine erfindungsreiche Aneignung und Befragung der Tradition mit dem Herausbrechen und wiederum listigen Zisammensetzen einzelner Elemente, die Dekonstruktion eines übermächtigen Denkmals betreibend (und damit ein gedankenloses Publikum kritisierend) und zugleich ihm Ehre erweisend. Das eben charakterisiert das Trio in drei Sätzen von Kagel mit seinem fantastischen Einfallsreichtum, hineingesetzt in die zerborstene Form: musikalische Erscheinungen eines neuen, veränderten Bewußtseins von der Zerstörung organischen Gestalt. Unmöglichkeit wird zur Bedingung neuer Möglichkeiten. Das musikalische Material wird frei disponibel. Die drei Spieler bewegen sich traumwandlerisch in den rhythmischen Energiefeldern, gestalten emphatisch die oft betörend schönen Melodie-Fragmente. Als Kommunikationsmodell für diese Musik kann man sich das jenseits allen Verstehens liegende Staunen, die autistische Schwermut und freischwebende Heiterkeit eines Clowns vorstellen.

Klagend

Smetanas Klaviertrio g-moll op. 15 ist vor allem ein orchestrales Glaubensbekenntnis. Allerdings können die sich ausklagende Schmerzgeige der Carola Nasdala, die streicherische Faszination des intensiv in das musikalische Geschehen hinein sich begebende Cello der Claudia Schwarze und die mitreißende Stringenz des Pianisten Hartmut Leistritz nicht das romantisch Klischeehafte dieses Trios wegspielen.

Dem rauschhaften Beschluß und einem interessanten Konzertabend wurde herzlicher Beifall zuteil.

Gerlinde Hoffmann

Abschrift aus: HNA, Hessische/Niedersächsische Allgemeine vom 7. Mai 1996. http://www.hna.de